Kompass Leistungspraxis
Ihr digitaler Lernpfad (Stand: August 2025)
Phase I: Grundlagen & Systeme (Monat 1)
Im ersten Monat legen Sie das Fundament. Sie verstehen die BA als Organisation, verinnerlichen die unverzichtbaren rechtlichen Rahmenbedingungen und machen sich mit der modernen IT-Systemlandschaft vertraut.
Aufbau und Steuerung
Die Bundesagentur für Arbeit (BA) ist der drittgrößte soziale Leistungsträger Europas. Für Ihre Tätigkeit in der Leistungsgewährung nach dem SGB III ist ein gutes Verständnis der Aufbau- und Steuerungslogik unerlässlich.
Die BA ist dreistufig organisiert:
• Zentrale in Nürnberg
• 10 Regionaldirektionen
• Über 150 Agenturen für Arbeit mit lokalen Geschäftsstellen
Diese Struktur sichert eine flächendeckende Erreichbarkeit und erlaubt eine dezentralisierte Umsetzung zentraler Vorgaben.
Die Steuerung der BA basiert auf dem Prinzip der Selbstverwaltung nach dem Modell der Drittelparität: Arbeitgeber-, Arbeitnehmer- sowie öffentliche Vertreter:innen treffen in Gremien wie dem Verwaltungsrat gemeinsame Entscheidungen über Strategie, Finanzen und Organisation.
- Regelungen entstehen praxisnah
- Verantwortung ist geteilt
- Rechtssicherheit und Bürgernähe werden systematisch vereint
Ziel dieses Moduls: Sie entwickeln ein systemisches Grundverständnis dafür, wie die BA aufgebaut ist, wer Entscheidungen trifft – und wie Sie sich in Ihrer Rolle innerhalb der Leistungsgewährung sicher bewegen.
Das Spannungsfeld der täglichen Arbeit
Unsere tägliche Arbeit in der Leistungsgewährung bewegt sich im ständigen Spannungsfeld zwischen dem Verwaltungsrecht und dem Anspruch, als moderne Dienstleistungsorganisation wahrgenommen zu werden.
Gleichzeitig erwartet die Gesellschaft eine kundenfreundliche, transparente und wertschätzende Kommunikation. Eine moderne Verwaltung muss daher nicht nur korrekt entscheiden, sondern:
- Verständlich formulieren
- Empathisch auf individuelle Lebenslagen eingehen
- Barrieren abbauen und inklusiv handeln
Ziel dieses Moduls: Sie entwickeln ein kritisches Verständnis für das Gleichgewicht zwischen rechtssicherer Fallbearbeitung und menschlicher Dienstleistungsqualität.
Die "Verfassung" des Sozialrechts
Das SGB I ist die "Verfassung" des Sozialrechts. Sie lernen die zentralen Rechte der Kunden (z.B. Beratungspflicht, § 14 SGB I) und deren Pflichten (z.B. Mitwirkungspflichten, §§ 60 ff. SGB I) kennen. Eine Verletzung der Beratungspflicht kann zum sozialrechtlichen Herstellungsanspruch führen.
- Rechte der Kunden kennen
- Pflichten der Kunden verstehen
- Beratungspflicht anwenden
Ziel dieses Moduls: Sie wenden die grundlegenden Rechte und Pflichten des SGB I sicher an.
Die Spielregeln des Verfahrens
Das SGB X regelt das formale Handeln. Kernpunkte: Der Untersuchungsgrundsatz (§ 20), die Anhörungspflicht (§ 24) vor belastenden Entscheidungen und die formalen Anforderungen an einen Verwaltungsakt (§ 31 ff.) wie Bestimmtheit und Begründung.
- Untersuchungsgrundsatz beachten
- Anhörungspflicht korrekt durchführen
- Formale Anforderungen an Bescheide erfüllen
Ziel dieses Moduls: Sie kennen die wichtigsten Verfahrensregeln des SGB X und wenden sie korrekt an.
Revisionssichere Dokumentation
Die elektronische Akte ist das führende, revisionssichere Dokumentationsinstrument. Jede Entscheidung, jeder Kontakt und jede rechtliche Abwägung muss hier lückenlos und nachvollziehbar dokumentiert werden, um im Falle eines Widerspruchs- oder Klageverfahrens Bestand zu haben.
- Dokumentationspflicht verstehen
- Revisionssicherheit gewährleisten
- Nachvollziehbarkeit sicherstellen
Ziel dieses Moduls: Sie führen die eAkte so, dass alle Entscheidungen rechtlich und fachlich nachvollziehbar sind.
Die digitale Prozesslandschaft
Sie lernen die Navigation und die grundlegenden Prozesse in der Kernanwendung Atlas, die die gesamte Fallbearbeitung bündelt. Zudem verstehen Sie die Schnittstelle zum Vermittlungssystem VerBIS, um eine 360-Grad-Sicht auf den Kunden zu gewährleisten.
- In Atlas navigieren
- Prozesse in VerBIS verstehen
- 360-Grad-Sicht auf den Kunden nutzen
Ziel dieses Moduls: Sie bewegen sich sicher in den Kernanwendungen und nutzen die Systeme zur effizienten Fallbearbeitung.
Phase II: Der Leistungsanspruch (Monat 2)
Sie steigen tief in die materiell-rechtlichen Voraussetzungen des Arbeitslosengeldes ein und lernen, die Höhe und Dauer korrekt zu berechnen.
Anspruchsvoraussetzungen im Detail
Der Anspruch auf ALG ruht auf drei Säulen, die kumulativ vorliegen müssen: Arbeitslosigkeit (Beschäftigungslosigkeit, Eigenbemühungen, Verfügbarkeit), persönliche Arbeitslosmeldung und Erfüllung der Anwartschaftszeit.
- Arbeitslosigkeit definieren
- Arbeitslosmeldung korrekt durchführen
- Anwartschaftszeit prüfen
Ziel dieses Moduls: Sie prüfen die drei grundlegenden Anspruchsvoraussetzungen für das Arbeitslosengeld rechtssicher.
Prüfung der Versicherungszeiten
Sie lernen die Prüfung der Anwartschaftszeit im Detail. I.d.R. müssen in der 30-Monats-Rahmenfrist mindestens 12 Monate Versicherungspflicht vorliegen. Hier werden auch Sonderfälle wie die "kurze Anwartschaft" für Saisonkräfte und die Anrechnung von Kindererziehungszeiten behandelt.
- Rahmenfrist korrekt bestimmen
- Versicherungszeiten prüfen
- Sonderfälle der Anwartschaft kennen
Ziel dieses Moduls: Sie ermitteln die Anwartschaftszeit und Rahmenfrist auch in komplexen Fällen korrekt.
Digitale und manuelle Prozesse
Die notwendigen Daten werden zunehmend digital erhoben. Sie lernen das BEA-Verfahren (Bescheinigungen Elektronisch Annehmen) kennen, bei dem Arbeitgeber die Arbeitsbescheinigung (§ 312 SGB III) digital übermitteln. Dies reduziert Fehler und beschleunigt den Prozess. Sie lernen auch, wie man eine manuelle Arbeitsbescheinigung prüft und die Daten in Atlas erfasst.
- BEA-Verfahren anwenden
- Manuelle Arbeitsbescheinigungen prüfen
- Daten in Atlas korrekt erfassen
Ziel dieses Moduls: Sie erheben die für die Leistungsberechnung notwendigen Daten effizient und fehlerfrei.
Die Basis der Berechnung
Die Grundlage der Leistungsberechnung ist das Bemessungsentgelt. Sie lernen, den Bemessungsrahmen (i.d.R. 1 Jahr) korrekt zu bestimmen, den Bemessungszeitraum (mind. 150 Tage mit Entgelt) zu ermitteln und das tägliche Bruttoentgelt zu berechnen. Auch die Erweiterung des Rahmens bei unbilliger Härte wird behandelt.
- Bemessungsrahmen bestimmen
- Bemessungszeitraum ermitteln
- Tägliches Bruttoentgelt berechnen
Ziel dieses Moduls: Sie berechnen das für die Leistungshöhe maßgebliche Bemessungsentgelt korrekt.
Vom Brutto zum Netto
Auf Basis des Bemessungsentgelts wird das Leistungsentgelt (fiktives Netto) ermittelt. Darauf wird der Leistungssatz (60% oder 67%) angewendet. Sie lernen den genauen Rechenweg und die Bedeutung des Progressionsvorbehalts (§ 32b EStG) für die Steuererklärung des Kunden kennen.
- Leistungsentgelt ermitteln
- Leistungssatz korrekt anwenden
- Progressionsvorbehalt erklären können
Ziel dieses Moduls: Sie berechnen die exakte Höhe des Arbeitslosengeldes und verstehen die steuerlichen Auswirkungen.
Korrektes Anrechnen
Sie lernen die Anrechnung von Nebeneinkommen aus einer Tätigkeit von unter 15 Stunden/Woche. Hierzu wird die Nebeneinkommensbescheinigung genutzt, um das anrechenbare Entgelt nach Abzug von Steuern, Sozialabgaben, Werbungskosten und einem Freibetrag von 165 € korrekt zu ermitteln.
- Nebeneinkommen korrekt bewerten
- Freibeträge anwenden
- Anrechenbares Entgelt berechnen
Ziel dieses Moduls: Sie führen die Anrechnung von Nebeneinkommen auf das Arbeitslosengeld korrekt durch.
Phase III: Sonderfälle & Pflichten (Monat 3)
Sie bearbeiten komplexere Sachverhalte, lernen die Konsequenzen von Pflichtverletzungen und die wichtigen rechtlichen Abzweigungen kennen.
Versicherungswidriges Verhalten
Die Sperrzeit ist eine Sanktion bei versicherungswidrigem Verhalten. Die Prüfung eines "wichtigen Grundes" bei Eigenkündigung oder Aufhebungsvertrag ist zentral und erfordert eine sorgfältige Abwägung nach der Rechtsprechung des BSG. Die Beweislast liegt beim Kunden.
- Versicherungswidriges Verhalten erkennen
- "Wichtigen Grund" prüfen
- Rechtsprechung des BSG anwenden
Ziel dieses Moduls: Sie entscheiden über das Eintreten einer Sperrzeit bei Arbeitsaufgabe rechtssicher.
Von Arbeitsablehnung bis Meldeversäumnis
Neben der Arbeitsaufgabe gibt es weitere Sperrzeittatbestände wie die Ablehnung einer zumutbaren Arbeit, unzureichende Eigenbemühungen, Meldeversäumnis oder die verspätete Arbeitsuchendmeldung. Sie lernen die unterschiedlichen Dauern und Voraussetzungen kennen.
- Tatbestände für Sperrzeiten kennen
- Unterschiedliche Dauern zuordnen
- Voraussetzungen der Tatbestände prüfen
Ziel dieses Moduls: Sie kennen alle Sperrzeittatbestände und deren spezifische Voraussetzungen.
Wenn der Anspruch pausiert
Im Gegensatz zur Sperrzeit wird beim Ruhen die Gesamtdauer des Anspruchs nicht gemindert; die Zahlung wird lediglich ausgesetzt. Typische Fälle sind der Bezug von Urlaubsabgeltung, einer Entlassungsentsädigung (Abfindung) oder das Zusammentreffen mit anderen Sozialleistungen.
- Unterschied zwischen Ruhen und Sperrzeit verstehen
- Ruhenstatbestände korrekt anwenden
- Auswirkungen auf den Leistungsanspruch kennen
Ziel dieses Moduls: Sie unterscheiden sicher zwischen Sperrzeit und Ruhen und wenden die Ruhenstatbestände korrekt an.
Die Brücke zur Rentenversicherung
Die Nahtlosigkeitsregelung ist eine Brücke zwischen Kranken-, Arbeitslosen- und Rentenversicherung. Sie lernen die Steuerung des Falls, die Fiktion der Verfügbarkeit und die enge Zusammenarbeit mit dem Ärztlichen Dienst und der Rentenversicherung. Die Bearbeitung erfolgt im Spezialmodul Colibri innerhalb von Atlas.
- Nahtlosigkeitsregelung verstehen
- Fiktion der Verfügbarkeit anwenden
- Zusammenarbeit mit Ärztlichem Dienst und RV kennen
Ziel dieses Moduls: Sie steuern Fälle im Rahmen der Nahtlosigkeit korrekt und arbeiten effizient mit den beteiligten Partnern zusammen.
Leistungsrecht über Grenzen hinweg
Sie erlernen die Grundlagen der VO (EG) 883/2004, insbesondere die Zusammenrechnung von Versicherungszeiten aus EU-Staaten zur Erfüllung der Anwartschaftszeit und die Regelungen zum Leistungsexport.
- Grundlagen des EU-Sozialrechts kennen
- Versicherungszeiten aus EU-Staaten zusammenrechnen
- Regelungen zum Leistungsexport anwenden
Ziel dieses Moduls: Sie bearbeiten Sachverhalte mit internationalem Bezug unter Anwendung des relevanten EU-Rechts.
Phase IV: Verfahren & Qualität (Monat 4)
Sie festigen Ihr Wissen, verstehen die Verbindungen zu anderen Rechtsbereichen und verinnerlichen die Prinzipien der Qualitätssicherung.
Versicherung vs. Fürsorge
Der Übergang vom ALG (Versicherungsleistung) zum Bürgergeld (Fürsorgeleistung) ist ein kritischer Punkt. Sie lernen die fundamentalen Unterschiede der Systeme und Ihre proaktive Beratungspflicht, um Leistungslücken für den Kunden zu vermeiden.
- Unterschiede zwischen SGB III und SGB II kennen
- Beratungspflichten am Übergang wahrnehmen
- Leistungslücken für Kunden vermeiden
Ziel dieses Moduls: Sie beraten Kunden an der Nahtstelle zum SGB II kompetent und proaktiv.
Umgang mit Fehlern
Die Korrektur von Bescheiden ist ein alltäglicher und rechtlich hoch anspruchsvoller Vorgang. Ein Schwerpunkt liegt auf § 45 SGB X (Rücknahme eines begünstigenden VA). Hier lernen Sie die Abwägung zwischen dem öffentlichen Interesse und dem Vertrauensschutz des Bürgers. Die Entscheidung hierüber ist eine Ermessensentscheidung, die sorgfältig begründet werden muss.
- Korrekturvorschriften des SGB X anwenden
- Vertrauensschutz prüfen
- Ermessensentscheidungen rechtssicher treffen
Ziel dieses Moduls: Sie korrigieren fehlerhafte Verwaltungsakte unter Beachtung der komplexen rechtlichen Vorgaben.
Die erste Stufe des Rechtswegs
Sie lernen den Ablauf eines Widerspruchsverfahrens kennen, von der Prüfung der Zulässigkeit (Frist, Form) über die erneute Sach- und Rechtsprüfung (Abhilfe- oder Nichtabhilfebescheid) bis zur Abgabe an die Widerspruchsstelle. Die saubere Dokumentation in der eAkte ist hier entscheidend.
- Zulässigkeit eines Widerspruchs prüfen
- Sach- und Rechtsprüfung durchführen
- Abhilfe- und Nichtabhilfebescheide erstellen
Ziel dieses Moduls: Sie bearbeiten Widersprüche form- und fristgerecht und treffen eine fundierte Entscheidung.
Rechtssicheres Handeln
Qualitätssicherung ist kein Selbstzweck, sondern dient der Fehlervermeidung und der Rechtssicherheit.
- Fachliche Weisungen (FW): Sie lernen die FW als verbindliche Auslegung der Gesetze kennen, die eine bundesweit einheitliche Praxis sicherstellen.
- Vier-Augen-Prinzip: Dieses Prinzip wird als Instrument der kollegialen Beratung und Fehlervermeidung bei komplexen oder finanziell bedeutsamen Entscheidungen etabliert.
- Amtshaftung (§ 839 BGB i.V.m. Art. 34 GG): Sie verstehen, dass schuldhaft fehlerhaftes Verwaltungshandeln zu Schadensersatzansprüchen gegen die BA führen kann. Dies schärft das Bewusstsein für die Notwendigkeit höchster Sorgfalt in jeder Entscheidung.
Ziel dieses Moduls: Sie verinnerlichen die Prinzipien der Qualitätssicherung und handeln im Bewusstsein der potenziellen Amtshaftung.
Professioneller Kundenkontakt
Sie vertiefen Ihre kommunikativen Fähigkeiten durch Modelle wie das Vier-Seiten-Modell von Schulz von Thun, um Missverständnisse zu vermeiden. In praxisnahen Rollenspielen üben Sie den Umgang mit Kunden in emotionalen Ausnahmesituationen und erlernen professionelle Deeskalationstechniken.
- Kommunikationsmodelle anwenden
- Gespräche deeskalierend führen
- Umgang mit schwierigen Situationen trainieren
Ziel dieses Moduls: Sie kommunizieren auch in schwierigen Situationen professionell, wertschätzend und rechtssicher.
Praxistransfer und Ausblick
Die theoretischen Module werden durch ein intensives Mentoring begleitet. Ein/e erfahrene/r Kollege/in zeichnet Bescheide gegen, gibt Erfahrungswissen weiter und unterstützt bei der Bearbeitung realer Geschäftsfälle mit steigendem Schwierigkeitsgrad. Die Einarbeitung schließt mit einem strukturierten Kompetenzgespräch ab.
- Erlerntes in der Praxis anwenden
- Unterstützung durch Mentoren nutzen
- Kompetenzgespräch erfolgreich absolvieren
Ziel dieses Moduls: Sie transferieren das erlernte Wissen erfolgreich in die Praxis und schließen Ihre Einarbeitung ab.
Kommunikation & Ablage
Nutzen Sie Stackfield als zentralen Hub für Ihr Team: Klären Sie Fragen im Chat, legen Sie wichtige Dokumente ab und steuern Sie Aufgaben für den Praxistransfer.
Letzte Aufgaben
- Lade Aufgaben...
Neueste Dateien
- Lade Dateien...